Sonntag, 1. Mai 2016

Mai-Wanderung von den Zickerschen Alpen über das Mönchguter Heringsfest zu Adeline von Schimmelmann

Museumsschiff Luise in GöhrenWildbegegnung in den Zickerschen Bergen auf Mönchgut Die 'Zickerschen Alpen' haben uns vor 3 Tagen trotz Regenwetter begeistert (Post 28.04.2016), weshalb wir den 8-10 km langen Weg heute noch einmal bei sonnigem Wetter gehen. Die überschaubare Runde hat Suchtpotenzial. Als Ortsansässige wären wir täglich in den Zickerschen Bergen unterwegs.
Nach zweitem Frühstück auf der Terrasse der Ferienunterkunft wandern wir in entgegengesetzter Richtung entlang des Ostseestrands zum Seebad Göhren. Der Ort ist uns lediglich als Endstation der touristischen Schmalspurbahn Rasender Roland bekannt, aber er hat mehr zu bieten, z.B. ein Heringsfest am jeweils ersten Wochenende des Monats Mai. Unsere Vermieter machen auf die Veranstaltung aufmerksam, die wir uns nicht entgehen lassen. Als bekannteste Persönlichkeit des Ortes Göhren gilt die ebenso fromme wie exzentrische Gräfin Adeline von Schimmelmann (1854-1913), die uns bislang unbekannt ist. Recherchen zeigen eine bemerkenswerte, tief in Zeitgeschichte verwobene Biographie. Fotogalerien: Zickersche  Alpen - Heringsfest Göhren

Nonnenloch am Zickerschen Höft Weite Flächen der Halbinsel Mönchgut sind als Teilfächen des Biosphärenreservats Südost-Rügen unter Naturschutz gestellt. Trocken- und Magerrasenflächen der Zickerschen Berge bilden ein Rückzugsgebiet bedrohter Pfanzen- und Tierarten. Während unserer Wanderungen auf Mönchgut müssen wir konstatieren, dass uns nur selten die Identizierung von Pfanzen- und Tierarten gelingt. Bei der Feststellung soll es nicht bleiben. Wir nehmen uns vor, die Defizite abzubauen.







Heringsfest in Göhren Als Höhepunkt des Mönchguter Heringsfestes am Göhrener Museumsschiff Luise gilt ein Kochwettbewerb um die beste Fischsuppe. Bis zu 10 Restaurants wetteifern mit ihren Suppenkreationen um den Titel des Fischsuppenkönigs. Teilnehmende Besucher erwerben zum Preis von 2 € ein Fischsuppen-Probierset, mit dem sie von jeder Suppe probieren dürfen, um schließlich auf einem Stimmzettel den persönlichen Favoriten anzukreuzen. Fischsuppenkönig ist das Team mit den meisten Stimmen. Das Format des Wettbewerbs zieht jedoch heute so viele Interessenten an, dass die Warteschlange über den gesamten Festplatz reicht, während am kommerziellen Fischimbiss kein Andrang besteht. Wir ziehen ein Matjesbrötchen vor.





Gräfin Adeline von Schimmelmann (1854-1913)
Ahnherr Heinrich Carl von Schimmelmann (1724-1782) erreichte durch geschickte Handelsgeschäfte in bewegter Zeit großen Wohlstand. U.a. erwarb er vom dänischen Staat Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen und beteiligte sich mit 14 eigenen Schiffen am atlantischen Dreieckshandel. Seine Schiffe transportieren Tuche, Waffen und Alkohol nach Afrika. Mit dem Erlös der Waren wurden Sklaven für den nordamerikanischen Markt eingekauft. Erlöse des Sklavengeschäftes wurden gegen nordamerikanische Plantagenprodukte für den europäischen Markt getauscht. Die Geschäfte liefen bestens. Schimmelmann galt bald als reichster Mann Europas und größter Sklavenhändler Dänemarks.

Der Erfolg des tüchtigen Kaufmanns blieb selbstverständlich nicht verborgen. Unter Bedingungen labiler herrschender Machtstrukturen jener Zeit war es nicht weit zu der Frage, ob und wie Heinrich Carl von Schimmelmann für Stakeholder dieser Strukturen von Nutzen sein könnte. Hansebund und dänischer Staat sicherten sich seine Dienste. Der Dänenkönig Chrisitan VII. verlieh Schimmelmann zahlreiche Titel und Orden und erhob den Kaufmann schließlich 1779 in den dänischen Grafenstand. Schimmelmann wusste sich im Adel einzurichten und zu vernetzen. Verarmtem Adel kaufte er Schlösser ab, seine Kinder verheiratete er mit 'Uradel'.

Ur-Urenkelin Adeline von Schimmelmann war von 1872 bis 1890 Hofdame der Kaiserin Augusta, litt aber spätestens seit ihrer dem Prediger Otto Funcke zu verdankenden  'Bekehrung' unter sozialen Skrupeln. Bei einem Aufenthalt in Göhren lernte Adeline von Schimmelmann 1886 das Elend sozial entwurzelter Fischer kennen. Sie beschloss zu helfen und begründete in Göhren ein Seemansheim.

Mit dem Tod der Kaiserin Augusta endete 1890 die Tätigkeit als Hofdame, so dass sich die Gräfin jetzt auf ihre karitative, evangelistische Mission konzentrieren konnte. Sie errichtete an der Ostsee weitere Seemannsheime, betätigte sich über Deutschand hinaus als freie Evangelistin in Europa und Nordamerika, gründete eine Seemannsmission und gab in einem eigenen Verlag eine pietistische Zeitschrift heraus. Geradezu unmöglich war für eine Frau ihres Standes, dass Adeline von Schimmelmann für das Frauenwahlrecht eintrat. Seitens der protestantischen Kirche wurde die Gräfin als unerwünschte Konkurrenz bekämpft. Immerhin unterstützten die Kaiser Wilhelm I. und Wilhelm II. ihre Missionsarbeit. Ihre guten Kontakte zu den preußischen Kaisern motivierten Spekulationen über Adeline von Schimmelmanns Adoptivsohn Paul Schimmelmann, zumal Wilhelm I. zahlreiche Nebenbeziehungen nachgesagt wurden.

Die liebe Verwandschaft war nicht damit einverstanden, dass Anteile des mühsam mit Sklavenhandel erwirtschafteten Vermögens durch karitative Arbeit aufgezehrt wird. In Kopenhagen lebende Geschwister lockten ihre mildtätige Schwester unter einem Vorwand nach Kopenhagen und veranlassten mit Hilfe eines korrupten Arztes die Zwangseinweisung der missratenen Familienangehörigen in eine psychiatrische Einrichtung. Darüber hinaus kriminalisierten sie Gefolgsleute ihrer Schwester. Adeline von Schimmelmann wehrte sich und war bald wieder frei. Die von ihren Geschwistern beauftragten Maßnahmen lösten einen handfesten Psychiatrieskandal aus.

1913 starb Adeline von Schimmelmann verarmt in Hamburg. Bestattet wurde sie in ihrem Geburtsort Ahrensburg. Mangels Heilig- oder Seligsprechung ist die pietistische Protestantin in der Gegenwart weithin unbekannt. Erst dank des Mönchguter Heringsfestes treffen wir auf die schillernde Persönlichkeit und ihre bewegte Familiengeschichte.

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