Mittwoch, 10. Juli 2019

Wanderglück im Schnalstal am Taschljöchl, 2.770 m - Gnṓthi sautón (griechisch für "Erkenne dich selbst!")*

Stabiles Bergwetter lockt uns auf das 2.770 m hohe Taschljöchl (Taschenjöchl), ein hochalpines Joch zwischen dem einsamen Schlandrauntal und dem wunderschönen Schnalstal (trotz des Schandflecks Kurzras). Wer die sportliche long version geht, überwindet zwischem dem Taschljöchl und Schlanders im Vinschgau 2000 m Höhendifferenz und zusätzlich 800 m Höhendifferenz bis Kurzras im Schnalstal. Im Zeitraum 1987 - 2002 (Fotos 2002) sind wir diesen Übergang regelmäßig gegangen. Meistens von Schlanders nach Kurzras. Seit wir unseren Körper eher schwerfällig als leichtfüßig über den Berg tragen, begnügen wir uns mit der short version, einem Rundweg ab dem Wieshof bei Kurzras mit einem Schlenker über die Berglalm auf dem Rückweg. Dass die Anstrengung jedes Jahr ein wenig mehr zunimmt und wir von Jahr zu Jahr langsamer werden, bereitet nicht nur Freude, erhöht aber auch die empfundene Belohnung des Wanderglücks. Soviel zu Zutaten dieser Top-Tour des heutiges Programms.
- Fotoserien: 10.07.2019, 31.07.2018 - Posts: 17.07.2017, 04.08.2016


Wieshof im hinteren Schnalstal "Wo gehts hin?", fragt der Wieshof-Bauer im hinteren Schnalstal, von dem wir bei 9 Grad Morgentemperatur starten. "Zum Taschljöchl", antworten wir. "Guat! Ihr müsst um den Hof und dort durch das Tor zum oberen rot-weiß-markierten Weg gehen", empfiehlt der Wieshof-Bauer. Wir kennen den Weg Nr. 4, aber Wertschätzung von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gebieten freundlichen Dank.







Lagauntal Nach 50 Minuten schattiger Wanderung durch Kiefernwald erreichen wir das Lagauntal, ein in seiner Ursprünglichkeit weitgehend erhaltenes und unter Schutz gestelltes Hochmoor. Fragile Landschaften dieser Art sind nur noch selten im Alpenraum zu finden. Die Schutzwürdigkeit des Biotops rechtfertigen zusätzlich archäologisch nachgewiesene, aber bisher nur wenig erforschte Spuren steinzeitlicher Jäger (Historischer Boden Lagaun). Gefundene Artefakte werden in die Mittelsteinzeit datiert.






Aufstiegsroute zum Taschljöchl Bis zum Lagauntal haben wir nur ca. 150 m Höhe gewonnen. Südlich vom Lagauntal blicken wir auf einen schrofigen, steilen Berghang, auf dem sich bei genauerem Blick oberhalb der Baumgrenze ein Bergpfad abzeichnet, der zum Taschljöchl führt. Wie Tiesenjoch, Niederjoch, Bildstockjöchl und andere Übergänge zwischen Tälern wurde das Taschljöchl vermutlich bereits von steinzeitlichen Jägern begangen.
Aus dem Lagauntal ist das Gipfelkreuz auf dem Taschljöchl mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Erst Vergrößerung bei hoher Auflösung macht es auf dem Foto sichtbar (oben rechts weiß umrahmt).




Tascheljöchl, 2.772 m Obwohl der Bergpfad Nr. 4 gut ausgebaut ist (T2) sind 650 m Aufstieg aus dem Lagauntal zum Taschljöchl kein Spaziergang. Zwei zu durchquerende Schneefelder mit Altschnee des letzten Winters sind nicht völlig harmlos und verlangen hoch konzentriertes Gehen. Mit zunehmender Höhe wird es deutlich kälter. Wir sind darauf vorbereitet und ziehen Pullover, Jacke, Kopfbedeckung und Handschuhe über.







Tascheljöchl, 2770 m (Similaun im Hintergrund) Wanderer am Biwak auf dem TaschljöchlWanderin am Biwak auf dem Taschljöchl

Mit zunehmender Höhe werden die Beine schwerer und die Luft knapper. Daran ist natürlich auch die Höhe beteiligt, aber vor allem zeigt sich abnehmende persönliche Fitness, die sich auf diesem Weg nicht länger verbergen lässt. Nach 1:45 Std. ab Lagauntal (2:35 Std. ab Wieshof) erreichen wir das Taschljöchl, auf dem ein eisiger Wind pfeift. Für unsere Rast finden wir Schutz im Windschatten eines Biwaks, das erst vor wenigen Jahren zusammen mit Gipfelkreuz und Picknicktisch auf dem Joch installiert wurde. Ruinen erinnern an die 1932 abgebrannte Heilbronner Hütte, die als "Schloss" am Taschljöchl galt.


Wanderin auf dem Taschljöchl Wanderer auf dem TaschljöchlKurzras im Schnalstal, Weißkugel

Vom Joch blicken wir nach Norden in den Talschluss des Schnalstals, hinter dem am Alpenhauptkamm mehrere vergletscherte Dreitausender der Ötztaler Alpen aufsteigen. Auf dem Joch ist es kalt. Wir verweilen nur kurz. Nachdem das obligatorische Foto am Gipfelkreuz aufgenommen ist, beginnt in Richtung Osten ein zunächst steiler und später flacherer Abstieg auf Weg Nr. 5 zur Berglalm, auf dem ebenfalls zwei Schneefelder zu durchqueren sind.


Wanderer an der Berglalm Wanderin an der BerglalmBerglalm

An der Berglalm liegen 1:15 Std. Abstieg hinter uns. Nachdem im vergangenen Jahr der Neubau der Alm eingeweiht wurde, ist in diesem Jahr der Außenbereich mit neuen Tischen, Bänken und Sonnenschirmen ausgestattet. Die Alm ist gut besucht, aber wir finden trotzdem noch einen Platz für unsere Pause vor dem weiteren Abstieg. Auf den Wegen Nr. 5 und Nr. 4 gehen wir in 1:30 Std. (ab Berglalm) erneut über das Lagauntal zurück zum Wieshof (2:45 Std. ab Taschljöchl, 5:20 Std. Gesamt-Gehzeit, 11,5 km). Nach der Tour sind wir müde, aber Müdigkeit vergeht schnell, während Zufriedenheit und auch ein wenig Stolz noch lange anhalten. Nicht zu überhören ist das Ticken der biologischen Uhr. Auf welche Zeit sie programmiert ist, wissen wir glücklicherweise nicht. Solange sie nicht läutet, machen wir auch mit schweren Beinen weiter.

(*) Gnṓthi sautón, die Aufforderung zur menschlichen Selbsterkenntnis, ist eine Inschrift am antiken Apollotempel von Delphi, in dem ein Orakel Weissagungen sprach. (Wikipedia: Gnṓthi sautón, Orakel von Delphi)

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