Dienstag, 21. April 2015

Auf Darß-Wanderungen begegnen uns dynamische Wald- und Boddenlandschaften

Geländestufe 'altes Meeresufer' im Darßwald
Ostsee und ihre umgebenden Landschaften wirken bei naiver Betrachtung eher geruhsam. Unter geologischen Aspekten zeigt das Landschaftsbild an der Ostsee in erdgeschichtlich junger Zeit eine Dynamik, die sich menschlicher Wahrnehmung nicht unmittelbar erschließt und dank wissenschaftlicher Betrachtung verständlich wird. Vor ca. 12.000 Jahren setzte der Rückzug des komplexen Geschehens der Weichsel-Eiszeit ein, die über etwa 100.000 Jahre Landschaften formte und die Ostsee als Erbe hinterließ. Aber auch klimatische Bedingungen der aktuellen Warmzeit verändern kontinuierlich Küstenlandschaften an Nord- und Ostsee. Eine Wanderung im Darßwald auf dem 'Mecklenburger Weg'(1) entlang der Geländestufe 'Altes Meeresufer' macht deutlich, dass die Geomorphologie der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst als geologischer 'Schnappschuss' zu verstehen ist.(2) Die der Küste nachgelagerte Boddenlandschaft unterliegt vergleichbarer Dynamik. Bei weiträumiger Betrachtung entziehen sich geologische und klimatische Dynamik menschlicher Beherrschung. Kurzfristig beeinflusst politische Dynamik das Geschehen. Auf der 4,25-stündigen Wanderung (ca. 15 km) vermittelt eine weitere Lektion, dass Verteilungen von Kosten und Nutzen menschlicher Eingriffe von kaum transparenten und wenig vertrauenswürdigen Interessenlagen dominiert werden. Diashow der Fotoserie
 
Nationalparkzugang am 'Rosengang'
Unsere Wanderung startet in Born am Darß. Ca. 200 m westlich des Einkaufszentrums an der Bäderstraße führt uns der 'Rosengang' in den Darßwald des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft. An ersten Wegverzweigungen vermissen wir Hinweise. Am Nationalparkamt treffen wir auf den mit einem Pilzsymbol auf blauem Grund markierten Wanderweg, dem wir in Richtung Weststrand folgen. Monokulturen von Fichtenwäldern verweisen auf die wirtschaftliche Nutzung des Waldes vor Deklarierung des Nationalparks. 








Großer Stern im Darßwald
Nach ca. 1,5 Stunden Gehzeit erreichen wir die nicht zu übersehende Wegespinne 'Großer Stern'. Die Abzweigung des 'Mecklenburger Wegs' in Richtung Prerow wäre jedoch leicht zu übersehen, wenn nicht  Wegweiser und eine Übersichtskarte der Wanderwege am 'Großen Stern' Orientierung böten.











Geländestufe 'altes Meeresufer' im Darßwald
Der 'Mecklenburger Weg' verläuft auf einer als 'Altes Meeresufer' bezeichneten Geländestufe. Das Gelände ist gut überschaubar, weil die Belaubung des Waldes Ende April erst allmählich einsetzt.
Mit dem Abschmelzen von Eismassen der Weichsel-Eiszeit stieg der Meeresspiegel um etwa 120 m an und ließ vor ca. 3000 Jahren die Inseln Fischland, Darß und Zingst entstehen, die ehemals deutlich kleiner waren als die heute so bezeichneten Gebiete. Die im Wald erkennbare Geländestufe bildete die westliche Grenze von 'Altdarß' zum Meeresarm 'Darßer Furche'. Durch Verlandung breitete sich 'Neudarß' bis zum 'Darßer Ort' aus(3) und ließ die 3 ehemaligen Inseln zu einer Halbinsel zusammenwachsen. Wenn wir heute durch diese Landschaft wandern, schauen wir lediglich auf das temporäre Stadium eines komplexen küstendynamischen Prozesses.(2)




Mecklenburger Weg
Baumnarben durch Harzung
Am 'Mecklenburger Weg' treffen wir auf alten Buchenwald, der am ehesten Vorstellungen eines sich selbst regenerierenden 'Urwaldes' gerecht wird. Tatsächlich haben jedoch auch hier über Jahrhunderte menschliche Eingriffe stattgefunden. Der Prozess der Rückentwicklung des Waldes ist in der Kernzone des Nationalparks längst noch nicht abgeschlossen. Obwohl Preußen 1858 das Waldweiderecht aufhob, zeugen noch immer bizarr geformte Bäume von jahrhundertelanger Nutzung des Waldes als Weidewald. Ältere Kiefern zeigen häufig charakteristische Narben der Harzgewinnung für Terpentinöl und Kolophonium zur Zeit der DDR.






Jagdhütte an der Buchhorster Maase
Zur Zeit der DDR war der 'Mecklenburger Weg' ein für die Öffentlichkeit verbotener Weg. Er führte nämlich geradewegs in die der gesellschaflichen Elite reservierten 'Staatsjagd'. Während das kulturelle Erbe aus feudalen Epochen vernachlässigt oder auch beseitigt wurde, genossen Kader exklusives Jagdvergnügen, das ehemals dem Adel vorbehalten war. Wie sich feudales Jagdvergnügen mit Ethik des sozialistischen Programms vereinbaren lässt, war offenbar keine relevante Frage.
Ihren Höhepunkt findet die alljährliche Hirschbrunft auf der 'Buchhorster Maase', eine große sumpfige Lichtung, auf die wir vom 'Mecklenburger Weg' schauen. Oberhalb der Lichtung befindet sich eine 1971 errichtete Jagdhütte, deren aktuelle Funktion nicht ersichtlich ist. Mehrere Tafeln informieren über Geschichte des Darßwaldes, Nutzungsgeschichte der 'Buchhorster Maase' sowie über Jagdgeschichte auf dem Darß.



Ortsrand Wieck in Richtung Bodstedter Bodden
In östlicher Richtung stößt der 'Mecklenburger Weg' auf den Prerow mit Born verbindenden Hauptweg 'g-Gestell' (Markierung: Fisch auf gelbem Grund).(4) Wir folgen dem Weg 'g-Gestell' nach Süden in Richtung Born und erreichen nach 1,4 km die gut ausgeschilderte Wegkreuzung 'Peters Kreuz'. Am 'Peters Kreuz' biegen wir nach Osten in Richtung Wieck ab. Bis zum Ortszentrum sind noch 3,5 km zu gehen.










Rast am Café Fernblau in Wieck
Nach 3-stündiger Wanderung erreichen wir im Ortszentrum von Wieck das Nationalparkzentrum Darßer Arche.(5) Auf dem Gelände finden vorbereitende Arbeiten für den am 26. April stattfindenden 10. Darß-Marathon statt, an dem wir als Walker teilnehmen werden. Das Nationalparkzentrum ist heute geschlossen, aber unser Zwischenziel ist ohnehin das Café Fernblau, dessen ausgezeichnete Kuchenqualität uns im Vorjahr beeindruckte. Wir entscheiden uns für Sanddorn-Käsekuchen bzw. Apfel-Zwetschgen-Kuchen mit Walnuss-Streusel zum Preis von 4,30 €/Stück. Der Preis ist nicht bescheiden, aber die Qualität von Kuchen, Kaffee und Service fallen auch heute überzeugend aus.






Blick über den Bodstedter Bodden nach Bliesenrade
Als Rückweg nach Born wählen wir den Bliesenrader Weg entlang Bodstedter Bodden und Koppelstrom, der Bodstedter Bodden und Saaler Bodden verbindet. Auf halbem Weg führt eine Abzweigung zur Halbinsel Bliesenrade, die wir länger nicht mehr besucht haben und deren Entwicklung wir uns heute anschauen möchten. Der Online-Reiseführer 'Marco Polo' beschreibt Bliesenrade als ein "paradiesisches Fleckchen Erde". Das "Paradies" ist verkauft. An slawische Fluchtburgen erinnernde massive Pallisadenzäune schützen exklusive Ferienhäuser. Fette SUV's vor den Häusern haben Berliner Kennzeichen.
Nach ca. 500 m Wegstrecke zwingt uns ein Zaun mit Hinweis auf Asbestverseuchung zur Umkehr. Auf Wegen der Halbinsel ist asbestbelasteter Schotter gefunden worden, weiß die Ostssee-Zeitung zu berichten.(6) Zuvor sind bereits mit Asbestschotter verseuchte Radwege im Raum Wustrow und Ahrenshoop saniert wurden. Behörden verschleppten länger entsprechende Hinweise und reagierten erst, als die 'taz' Beweise per Gutachten vorlegte.(7) Im Kontext der Sanierung verkündet die Bezirksregierung nach grobmaschigen Prüfungen, dass keine weiteren asbestverseuchte Wege zu befürchten seien. Bald darauf wird Asbestschotter auf Bliesenrade entdeckt.


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